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Ansätze in der Mädchenarbeit


Bislang gibt es in der Rechtsextremismusprävention wenige Erfahrungen in der Mädchenarbeit. Das vergleichsweise lange Ausblenden rechtsextremer Frauen und Mädchen im öffentlichen Diskurs spiegelt sich in der Pädagogik ebenso wie in der Förderpraxis. Oft wird Rechtsextremismus nach wie vor als männliches Phänomen wahrgenommen und dementsprechend reagiert. So wurden im Bundesprogramm "Vielfalt tut gut. Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie" zwischen 2007 und 2010  verschiedene Projekte gefördert, die geschlechtsspezifisch mit Jungen arbeiteten. Mädchenarbeit oder koedukative Ansätze waren in den Förderrichtlinien nicht vorgesehen. Im aktuellen Bundesprogramm "Toleranz fördern- Kompetenz stärken" hat sich dies verändert, hier wird „geschlechterreflektierende Arbeit mit rechtsextrem orientierten Jugendlichen“ gefördert, wobei „der Reflexion von Geschlechterbildern bei allen Beteiligten – weiblichen wie männlichen Jugendlichen, aber auch mit diesen Jugendlichen arbeitenden Pädagoginnen und Pädagogen sowie Multiplikatorinnen und Multiplikatoren – ein hoher Stellenwert zu[kommt]". Da diese Projekte erst seit kurzem tätig sind, bleibt abzuwarten, welche Erfahrungen hier gesammelt werden.
Mit einem Blick zurück lässt sich sagen, dass einzelne Projekte aus der Mädchenarbeit durchaus im ersten Bundesprogramm gegen Rechtsextremismus, das 1992 mit dem Titel „Aktionsprogramm gegen Aggression und Gewalt“ startete, gefördert wurden. Jedoch endeten diese Projekte nach Ablauf der Förderung. Die hier gesammelten Erfahrungen konnten nicht verstetigt werden.
Neben der Bundesförderung liegen einzelne Projekterfahrungen vor, die durch privatrechtliche, nichtstaatliche Stiftungen unterstützt wurden.

Bedarfe in Praxis und Forschung

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass es vielfältige, langjährige Erfahrungen in der parteilichen und feministischen Mädchenarbeit gibt. Stellvertretend sei an dieser Stelle auf den aktuellen Sammelband „Feministische Mädchenarbeit weiterdenken“ verwiesen, herausgegeben von Mart Busche, Laura Maikowski, Ines Pohlkamp und Ellen Wesemüller. Bezieht man diese Erfahrungen nun auf die Rechtsextremismusprävention, so bedarf es verschiedener Überlegungen. Diesbezügliche Leerstellen – Rechtsextremismusprävention und Ansätze der Mädchenarbeit zusammenzudenken - zeigen sich sowohl in der Praxis als auch in der Forschung. Insofern können an dieser Stelle lediglich erste Gedanken formuliert werden, die weiterer Ausarbeitung und Praxisentwicklung bedürfen.

Mädchen mit ihren politischen Meinungen wahr- und ernst nehmen

Oft werden in der pädagogischen Arbeit Mädchen als politisch denkende Subjekte „übersehen“ bzw. nicht wahrgenommen. Die Vorstellung von Frauen als „friedliebendes Geschlecht“ verstellt den Blick auf menschenfeindliche Einstellungen unter Mädchen generell. Auch bei Mädchen, die sich an der rechten Szene orientieren, ist das häufig der Fall. Rassistische und gewaltaffine Einstellungen werden als solche nicht erkannt. Dies ist aus verschiedenen Perspektiven folgenreich. Werden Mädchen mit solcherart Einstellungen nicht wahr- und ernst genommen, so können sie diese innerhalb von Jugendgruppen unhinterfragt weiterverbreiten. Gleichzeitig „verpassen“ PädagogInnen an diesen Stellen möglicherweise Momente, an denen sie aus präventiver Sicht Mädchen in ihren Orientierungen hinterfragen können.

Bedarfe für Fortbildungen von MultiplikatorInnen

Betrachtet man rechtsextreme Biografien, so zeigt sich: Mädchen und Frauen können innerhalb eines rassistischen Weltbildes eine Aufwertung als „deutsche Frau“ in Abgrenzung zu „Ausländern“ erfahren. Habe ich als PädagogIn die Absicht, Jugendliche in ihrer Orientierung zu einer rechtsextremen Gruppe zu hinterfragen, so ist es unabdingbar, diese Motivlagen wahrzunehmen. Oft ist dies nicht so ohne Weiteres zu erkennen, es bedarf einer Sensibilität aber auch bestimmten Wissens, um solcherart Prozesse zu entschlüsseln.
Hinsichtlich der Fortbildung von PädagogInnen zeigen sich hier wichtige Ansatzpunkte: Wichtig ist eine Wissensvermittlung über die Ausprägungen rechtsextremer Orientierungen unter Jugendlichen. PädagogInnen brauchen Handwerkszeug, um zwischen „Mitläuferinnen“ und „Kadern“ unterscheiden zu können. Wann orientiert sich ein Mädchen in die rechtsextreme Szene hinein und wie kann ich sie erreichen und in diesen Meinungen hinterfragen? Wann handelt es sich um Einstellungen im Sinne eines geschlossenen Weltbildes und welcher Umgang wäre mit „Kadern“ sinnvoll? Erste Empfehlungen für die Praxis der offenen Jugendarbeit finden sich in der Veröffentlichung des Vereins für Demokratische Kultur  Berlin (PDF-Dokument). Wichtig ist, dass Pädagoginnen die Überschneidung biologistischer Geschlechtervorstellungen der rechten Szene mit der Mitte der Gesellschaft erkennen. Die Geschlechterordnung der "Volksgemeinschaft" ist anschlussfähig, wie die Positionen Eva Hermanns und anderer zeigen. Dadurch ist die rechte Geschlechterideologie eher unauffällig. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung kann die Reflexion über eigene Geschlechtervorstellungen und deren Entstehung sein. Zudem muss kritisch über Gewaltorientierung und Dominanz von Mädchen nachgedacht werden.

Wahrnehmung: Die Funktion von Geschlechterbildenr für Einstiege in die rechte Szene

Grundsätzlich sollten PädagogInnen darüber reflektieren, welche Motive Mädchen haben, um in die rechte Szene einzusteigen: Welche Funktion übernimmt eine Orientierung an traditionellen Frauenbildern innerhalb rechter Ideologie für diese Mädchen? Vereindeutigende Geschlechterbilder können Orientierung geben in einer modernisierten, von Komplexität geprägten Welt. Der verschiedentlich wahrgenommenen Unklarheit bezüglich gesellschaftlicher Rollenerwartungen setzt der Rechtsextremismus klare Vorstellungen von Männlichkeiten und Weiblichkeiten entgegen. Neben jugendkulturellen Angeboten bietet sich für junge Frauen die Möglichkeit, im Spektrum zwischen traditionellen und national-feministischen Orientierungen zu wählen oder eine Rolle als Aktivistin einzunehmen. Nach wie vor eröffnet sich die Option, in rechtsextremen Strukturen eine Aufwertung durch Mutterschaft zu erfahren, die gleichzeitige Orientierung in einer unübersichtlich gewordenen Welt und deren Herausforderungen bieten kann. Zu verweisen ist auf die Gelegenheit, sich innerhalb eines rassistischen Weltbildes als deutsche, weiße Frau aufzuwerten und sexualisierte Gewalt ethnisierend nach Außen zu projizieren. Nicht zuletzt erhält die Dethematisierung oder Überformung von Familiengeschichten über die Zeit des Nationalsozialismus Relevanz hinsichtlich möglicher Einstiegsgründe.

Bislang liegen nur wenige Praxiserfahrungen vor, jene spezifisch weiblichen Motive der Hinwendung zu rechtsextremen Lebenswelten kritisch zu hinterfragen und in eine spezifische Rechtsextremismusprävention mit Mädchen und jungen Frauen münden zu lassen. Hier ist weiterer Forschungsbedarf aber auch Entwicklung in der Praxis notwendig.

Stellvertretend sei hier auf zwei Projekte verwiesen, welche zum Thema Rechtsextremismus und Frauen gearbeitet haben bzw. arbeiten:

Mikado e.V. (Nauen): Einfach mit dem Strom- Mädchen in der rechten Szene

VAJA e.V. (Bremen): Team Rechte Cliquen