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„Psst! Beate kommt.“ – Medien erklären Zschäpe als entlastet

 
In der Berichterstattung über den NSU-Prozess war nach dem Prozesstag am 11.06.13 in nicht wenigen Medien zu vernehmen, dass Beate Zschäpe zumindest teilweise entlastet worden sei. Der folgende Text rekapituliert die Presseberichte und stellt abschließend die Frage, inwiefern geschlechtsspezifische Stereotype, etwa von der unpolitischen bzw. ‚friedfertigen Frau‘, zu dieser einseitigen Festlegung beigetragen haben könnten.

Was war passiert?

Am 8. Verhandlungstag sagte der im NSU-Prozess Angeklagte Carsten S. erstmalig und überraschend über ein Gespräch mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt aus, in dem diese Andeutungen über einen Sprengstoffanschlag in Nürnberg gemacht haben sollen. Als Beate Zschäpe zur Gesprächsrunde hinzugekommen sei, hätten Carsten S. zufolge Mundlos und Böhnhardt „Psst“ gesagt und damit das Gespräch unterbrochen.

Was kann das bedeuten?

Die Gesprächsunterbrechung interpretierten verschiedenste Medien vom „Stern“ über die „FAZ“ und die „Berliner Zeitung“ bis hin zur „Jungle World“ mal mehr mal weniger deutlich und teilweise im Konjunktiv als entlastend für die Hauptangeklagte. Die Aussage von S. lege nahe, dass Zschäpe kaum in die Taten des NSU eingeweiht gewesen sei – so die durchgängige Deutung der genannten Medien. Der „Stern“ verzichtete stellenweise auf eine vorsichtige Einschränkung und titelte mit „Carsten S. entlastet ‚Frau Zschäpe‘“. Die „FAZ“ schrieb sogar: „Unter Tränen sagt er [Carsten S. – Anm. des Verf.], Mundlos und Böhnhardt hätten ihre Aktion vor Beate Zschäpe verheimlicht.“ Tatsächlich sagte Carsten S. nur aus, dass Mundlos und Böhnhardt das Gespräch unterbrochen hätten – weshalb sie das taten konnte er, seiner Aussage nach, so wenig in Erfahrung bringen, wie die genaue Bedeutung der Anspielungen über den Anschlag.

Was kann es noch bedeuten?

Unter anderem die „Welt“ , die „Junge Welt“ und die „Frankfurter Rundschau“ boten eine weitere Lesart der Aussage von S. an, derzufolge Zschäpe nur nicht mitbekommen sollte, dass ihre mutmaßlichen Komplizen unvorsichtig gegenüber einem nicht Eingeweihten über begangene Straftaten sprachen. Der Anwalt der Nebenklage Sebastian Scharmer äußerte zur Frage der möglichen Entlastung von Zschäpe: „Dass sie von der Prahlerei ihrer Mittäter vor einem faktisch Unbekannten nichts mitkriegen sollte, heißt nicht, dass sie selbst von den Taten nichts gewusst hätte.“ Auch Alexander Hoffmann, ein weiterer Nebenklageanwalt, pflichtete ihm bei, denn „einem Helfer wie S. […] von einem Anschlag zu erzählen, würde gegen jeden Sicherheitsgrundsatz einer abgetauchten Gruppe sprechen.“ In dieser Darstellung steht Zschäpe nicht als unwissende Mitläuferin da, sondern als das gleichberechtigte Mitglied einer rechtsterroristischen Gruppierung, als das sie in der Anklageschrift auch präsentiert wird. Das als „Prahlerei“ interpretierte Verhalten ihrer männlichen Komplizen gegenüber dem ebenfalls männlichen Unterstützer kann, im Rahmen des ‚männlichen Habitus‘, der Herstellung und Vergewisserung der eigenen Männlichkeit gedient haben. Ein ‚normales‘ männliches Verhalten also, das unter den konspirativen Bedingungen des Untergrunds unvernünftig ist.

Die juristische Ebene

Der Bundesanwalt Herbert Diemer betonte gegenüber den Medien, dass die Indizien für die Mittäterschaft Zschäpes nicht auf der Aussage von S. über den möglichen Anschlag in Nürnberg beruhen. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, denn dieser war ja bis zur überraschenden Aussage von S. im Prozess nicht mit dem NSU in Verbindung gebracht worden. Tatsächlich basiert die Anklage auf zahlreichen Indizien, die es im Gesamtbild sehr unwahrscheinlich erscheinen lassen, dass Zschäpe uneingeweiht war. Auch Alexander Hoffmann (Nebenklageanwalt) führt aus: „Selbst wenn Zschäpe von einem solchen Anschlag [in Nürnberg – Anm. des Verf.] im Jahr 1999 nichts gewusst hätte, hat sie in den gesamten folgenden Jahren eine bedeutende Rolle für die Gruppe gespielt, ohne die die weiteren Aktionen nicht vorstellbar wären. Der gegen Zschäpe gerichtete Vorwurf der Mittäterschaft gründet sich auf ihre Handlungen ab dem Jahr 2000.“
Anders formuliert ergab sich durch die Aussage von Carsten S. zum dadurch bekannt gewordenen Anschlag womöglich keine zusätzliche Belastung für Zschäpe – eine Entlastung hätte sich aus einer Aussage über gar nicht vorgeworfene Taten jedoch gar nicht ergeben können.

Warum wird wie gedeutet?

Wenn also keine sachlichen Gründe vorliegen, von einer Entlastung von Beate Zschäpe durch die Aussage von S. auszugehen, stellt sich die Frage, weshalb nicht wenige Medien ihren Leser/innen übereinstimmend eine solche Interpretation anboten. Man stelle sich vor, Beate Zschäpe sei ein Mann – würde das von S. geschilderte Verhalten von Mundlos und Böhnhardt gegenüber diesem (nun also männlich gedachten) Vertrauten auch dazu führen, dass diesem unterstellt werden würde, bestimmt von nichts zu wissen? Würde er nicht mindestens als gleichberechtigt, vielleicht sogar als Anführer angesehen werden? Es drängt sich jedenfalls der Verdacht auf, dass im Umgang mit der Aussage von S. im NSU-Prozess erneut „das übliche Klischee von der unpolitischen Frau unreflektiert“ reproduziert wurde, wie es Rechtsextremismusexpertinnen schon im November 2011 bei einigen auflagenstarken Medien kritisiert hatten (PDF-Dokument). In Bezug auf mutmaßliche Rechtsterroristinnen und ihre Helferinnen bedeutet eine solche geschlechtsspezifische Rollenerwartung, den tatsächlichen Beitrag der rechtsextremen Frauen zu verkennen und somit im schlimmsten Fall zu begünstigen.
 
Von Ulrich Overdiek