Interview: Frauen kommen nicht so gewalttätig rüber


Jeder vierte Neueinsteiger in der rechten Szene ist weiblich. Wie Frauen den Weg in den Rechtsextremismus finden, erklärt Heike Radvan von der Amadeu Antonio Stiftung im Gespräch mit Diana Teschler, Märkische Allgemeine.

MAZ: Warum setzen Funktionäre aus der rechtsextremen Szene im Wahlkampf auf Frauen?

Heike Radvan: Oft geraten Frauen aus dem Blickfeld, wenn es um Rechtsextremismus geht. Sie finden bei Wählern oft eine höhere Zustimmung, weil sie nicht so gewalttätig rüberkommen. Dass auch Frauen innerhalb rechter Gruppen ihren Teil dazu beitragen, dass Menschen zusammengeschlagen werden - etwa indem sie behaupten, jemand habe sie ,angemacht' - wird leicht übersehen. Diese Frauen sind genauso rassistisch und fremdenfeindlich wie die Männer aus der Szene.

Die Frauen dienen also als Lockvogel im Wahlkampf?


Radvan: Ja, denn sie schaffen es leichter, Nazi-Themen anschlussfähig für normale Bürger zu machen. Sie kommen in ganz andere soziale Bereiche rein als Männer. Sie gehen in Kitas, fegen den Hofeingang, sitzen auf dem Spielplatz um die Ecke und bieten vielleicht auch einen Backkurs zur altdeutschen Küche an. Hier wird rechtsextreme Ideologie auf eine alltägliche Art und Weise vermittelt, die zum Teil sogar auf Zustimmung trifft.

Welche Rolle haben Frauen generell in der rechtsextremen Szene?


Radvan: Dominant ist nach wie vor die patriarchalische Zuweisung der Rolle als Hausfrau und Mutter. Aus rechtsextremer Sicht ist „das deutsche Volk" durch geringe Geburtenzahlen bedroht. Frauen finden in ihrer Mutterrolle Anerkennung.

Was fasziniert junge Mädchen an dieser Szene?

Radvan: Da gibt es verschiedene Facetten. So wird innerhalb der Familien oft über Generationen hinweg ein rassistisches Weltbild vererbt, die Großeltern stehen zum Nationalsozialismus oder die Mädchen kommen über den Partner in die Szene. Interviewstudien haben aber auch gezeigt, dass es Frauen gibt, die von sich aus an rechten Themen interessiert sind. Diese jungen Frauen sind fasziniert von dem Gedanken, sich über andere Gruppierungen zu stellen.

Ihr Stiftungsprojekt „Lola für Lulu" ist eines der wenigen Projekte, das sich präventiv mit dem Thema „Frauen und Rechtsradikalismus" beschäftigt. Was steckt dahinter?

Radvan: Unser Projekt unterstützt Frauen aus dem Landkreis Ludwigslust, die sich gegen Rechtsextremismus engagieren wollen. In dem mecklenburg-vorpommerischen Landkreis leben viele rechte Familien, die sich als bürgerlich und sozial engagiert tarnen. Hier sehen wir dringenden Handlungsbedarf. Wir sprechen die Frauen an, bilden sie fort und sensibilisieren in der Wahrnehmung von Gefahren des Rechtsextremismus.

(aus: Märkische Allgemeine vom 10.09.2009)