Genauso rassistisch

Seit dem Bekanntwerden des NSU berichten die Medien verstärkt über rechtsextreme Frauen. Anna Schmidt führte für die Jungle World ein Gespräch mit Heike Radvan, Leiterin der Fachstelle Gender und Rechtsextremismus bei der Amadeu Antonio Stiftung, über die Rolle von Frauen in der rechtsextremen Szene.

Wie nehmen Sie die Darstellung von Beate Zschäpe in den Medien wahr?

Heike Radvan: Besonders in der ersten Phase nach der Enttarnung des NSU wurde sie häufig verharmlosend als Freundin der Mittäter dargestellt. Der Boulevard bedient eher das Klischee von Zschäpe als der Geliebten der Täter. Blätter, die bildungsorientierte Lesende ansprechen, differenzieren stärker. Sie haben auch Porträts über rechtsextreme Frauen in ihrer Rolle als Kameradschaftsführerinnen veröffentlicht. Generell ist im öffentlichen Diskurs die Debatte über Frauen im Rechtsextremismus durchaus stärker präsent.

Zschäpe gilt einerseits als mutmaßliche Terroristin, andererseits als »Katzenmama«. Wie passen diese widersprüchlichen Aussagen zusammen?

Radvan: In den letzten zehn bis 15 Jahren deuten Ergebnisse soziologischer Studien auf eine zunehmende Gewalttätigkeit von Mädchen und jungen Frauen, aber sie ist nach wie vor randständig. Ich finde es aus pädagogischer Sicht wichtig, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, wie gewalttätige Situationen verlaufen. Bevor rechtsextreme Männer zuschlagen, geht dem oft voraus, dass Frauen auf »den Fremden« verweisen, der sie sexuell belästigt habe. Auf rassistische Beschuldigungen erfolgt die gewalttätige Ausführung der Männer. Das Stereotyp von der größeren Friedfertigkeit der Frauen ist falsch. Sie sind genauso rassistisch wie Männer und durchaus zu Gewalttaten fähig.

Die Generalbundesanwaltschaft nennt Beate Zschäpe den »emotionalen Mittelpunkt der Gruppe«, der Fernsehsender NTV bezeichnet sie als »die Mutter«. Sind diese Zuschreibungen für eine Analyse ihres Verhaltens relevant?

Radvan: Zschäpe hat sich in den neunziger Jahren in Jugendclubs aufgehalten. Aus dieser Zeit ist bekannt, dass sie körperlich massiv gewalttätig war. Auch ihre Einstellungen waren durchaus bekannt: Ein Sozialarbeiter erinnert sich, dass er in einem Gespräch mit ihr und zwei anderen jungen Frauen gefragt hat, was sie zukünftig für einen Beruf ausüben wollen. Von zwei der Frauen kamen erwartbare Antworten, während Zschäpe gesagt hat, zuerst müssten mal die Ausländer weg, womit sie ihr »Berufsbild« ziemlich genau umschrieben hat. Implizit wird hier das Gewalthandeln schon kommuniziert.

Woran liegt es, dass die Gewalt bei rechtsextremen Frauen in den vergangenen Jahren zugenommen hat?

Radvan: Gesamtgesellschaftlich findet eine Ausdifferenzierung der Geschlechterrollen statt, die sich auch auf die rechtsextreme Szene auswirkt. Dass Frauen gewalttätiger werden, wird auch damit erklärt, dass eine stärkere Orientierung am Aktionismus innerhalb eines modernisierten Rollenbildes für Frauen interessant sein kann. Frauen können gerade auch in einem Überschreiten von Geschlechterrollen durch die Akzeptanz von gewalttätigem Handeln der rechtsextremen Szene etwas abgewinnen.

Es wird darüber spekuliert, ob Zschäpes desolates Familienleben Grund für ihre rechtsextreme Einstellung sei. Kann das ein Grund sein?

Radvan: Man kann die Frage, warum junge Menschen in die rechte Szene abrutschen, nicht nur mit sozioökonomischen oder individualpsychologischen Faktoren beantworten, da spielen viele Motive eine Rolle. Nach wie vor häufig unberücksichtigt bleibt eine intergenerationelle Tradierung als Grund für rechtsextreme Einstellungen. Die meisten aus dem Umkreis vom NSU haben Großeltern, die die NS-Zeit miterlebt haben. Wenn diese oft positiv oder wenig reflektiert über den NS reden, erzeugt das eine Anschlussfähigkeit, die ein wichtiger Grund sein kann, um in der rechtsextremen Szene zu landen.

Bietet die rechtsextreme Szene jungen Frauen mehr Bestätigung als der Rest der Gesellschaft?

Radvan: Innerhalb einer rassistischen Ideologie werten sich auch Frauen gegenüber konstruierten Anderen auf, hier als »gute deutsche Frau«. Der Volks­gemeinschaftsideologie liegt ein hierarchisches und dualistisches Bild von Geschlechtern zugrunde, das eine Orientierung bieten kann. Aber auch hier haben die Rollen sich ausdifferenziert. Frauen können heute Kameradschaftsführerinnen sein, einen Internetshop für rechte Produkte leiten oder Demos anmelden. Die Szene bietet den Frauen die Möglichkeit, sich politisch zu schulen und zu profilieren. Aber auch die traditionelle Rolle der Mutterschaft, die im Gegensatz zur Mehrheitsgesellschaft eine starke Aufwertung in der rechten Szene erfährt, kann gerade für junge Mütter durchaus eine Orientierung bieten.

Ist Zschäpe eine weibliche Ausnahme in der rechten Szene?

Radvan: Frauen wie sie treten in gemischtgeschlechtlichen Gruppen immer wieder auf. Beim Mädelring Thüringen haben sich rechtsextreme Frauen selbst als Feministinnen bezeichnet. Die fordern, auch in der ersten Reihe marschieren zu dürfen, Polizisten zu schlagen und ihr NPD-Mandat anzutreten. Möglicherweise ist das auch eine ostspe­zifische Sozialisation. Diese Orientierung an Berufstätigkeit von Frauen im Osten ist tatsächlich weiter verbreitet. Die Versuche rechtsextremer Frauen, mit eigenen Vorstellungen den biologistischen Rollenbildern der rechten Ideologie zu widersprechen, sind aber nicht immer erfolgreich. Darüber finden Debatten in rechten Gruppen oder der NPD statt, aber die sehr rigide Vorstellung der Geschlechterrollen in der »Volksgemeinschaft« setzt sich immer wieder durch.

Bei den Autonomen Nationalisten treten Frauen als Straßenkämpferinnen auf, in Flugblättern wird die weibliche Sprachform benutzt. Gibt es dort diese grundsätzlich andere Auf­gabenverteilung nicht mehr?

Radvan: Wenn man einzelne Biographien anschaut, zeigt sich, dass mit zunehmendem Alter der Druck der Volksgemeinschaftsideologie so stark wird, als Frau für die Reproduktion und für das Gebären von Kindern verantwortlich zu sein, dass eine Vielzahl der jungen Frauen, die beim Mädelring Thüringen waren, heute in ihrer Rolle als Mütter aufgehen.

Glauben Sie, dass sich ein differenzierter Blick auf Frauen in der rechtsextremen Szene durchsetzen kann?

Radvan: Daran besteht nach wie vor ein sehr großer Bedarf. Häufig wird Erstaunen darüber geäußert, wie »normal« und alltäglich die Frauen aussehen, die in der Gemeinschaft Deutscher Frauen oder beim Ring Nationaler Frauen organisiert sind. Und es gibt bislang kaum eine Wahrnehmung des Problems, dass rechtsextreme Familien auch im ländlichen Raum sehr strategisch vorgehen, beispielsweise bei der Wahl zur Elternvertreterin in der Kita. Wenn es keine couragierten Eltern oder Erzieher und Erzieherinnen gibt, die dagegen angehen, haben wir ein Problem.

(Aus: Jungle World Nr. 47, 22. November 2012)