Keine Veranstaltung zu Rechtsextremismus ohne Auseinandersetzung mit Gender

In der Prävention gegen Rechtsextremismus spielen geschlechterreflektierende Ansätze bislang kaum eine Rolle. Dies zu ändern, ist das Ziel der Fachstelle Gender und Rechtsextremismus der Amadeu Antonio Stiftung. Am 11. Oktober lud sie deshalb zum ersten Fachgespräch.

Die Idee des Fachgesprächs war es, TheoretikerInnen, PraktikerInnen und Personen aus dem staatlichen und privaten Förderspektrum an einen Tisch zu bringen. Ziel war es, einen Überblick über den Stand der Projektpraxis zu geben und über Bedarfe und Potentiale ins Gespräch zu kommen. Dabei ging es zentral um die Fragestellung, wie es zukünftig möglich sei, in der Arbeit gegen Rechtsextremismus die Genderperspektive als Querschnitt einfliessen zu lassen: „Ziel ist es, dass es zukünftig keine Publikation oder Veranstaltung zum Thema Rechtsextremismus mehr gibt, die sich nicht mit Gender auseinandersetzt oder sich zumindest dafür rechtfertigen muss, warum sie es nicht tut“, so eine Teilnehmerin des Treffens.

Die Fachstelle Gender und Rechtsextremismus soll einen Austausch zwischen Wissenschaft und pädagogischer Arbeit ermöglichen. Dieser scheint dringend notwendig: „Obwohl es durchaus einige Forschungen zum Thema Gender und Rechtsextremismus gibt, liegen bislang nur sehr wenige Praxiserfahrungen in der genderreflektierten pädagogischen Arbeit vor“, so Heike Radvan, Leiterin der Fachstelle. Wenn in der Rechtsextremismusprävention die Kategorie Geschlecht in den Blick gerät, so bezieht sich die Arbeit häufig auf männliche Zielgruppen. Rechtsextremismus wird nach wie vor sehr häufig verkürzend als männliches Phänomen wahrgenommen. Das zeigt sich auch in der Förderpraxis, u.a. des aktuellen Bundesprogramms gegen Rechtsextremismus, hier werden Projekte im Kontext „Jungenarbeit“ gefördert. Koedukative Ansätze oder die Arbeit mit Mädchen seien in der Praxis leider nach wie vor die Ausnahme, erläutert Heike Radvan.

Aufgabe der Fachstelle ist es, für einen reflektierten und differenzierten Umgang mit der Kategorie Geschlecht in Bezug auf Rechtsextremismus zu sensibilisieren. Das heißt zum Beispiel, Antworten auf die Frage zu geben, welche Potentiale ein genderreflektierter Blick in der zivilgesellschaftlichen Arbeit für demokratische Kultur generell mit sich bringt. Aber es heißt auch, dafür zu sensibilisieren, dass pädagogische Arbeit, die an traditionellen Geschlechtervorstellungen ansetzt, weniger gewinnbringend für eine Präventionsarbeit in Richtung demokratischer Werte ist. Hier setzt sich die Fachstelle das Ziel, neue Praxis anzuregen, zu begleiten und einen Austausch zwischen Wissenschaft und pädagogischer Arbeit zu fördern. Bestehenden Projekten soll die Möglichkeit zum Dialog und Austausch gegeben werden. Letztlich hat die Fachstelle neben der Praxis auch die Wissenschaft im Blick und möchte auf bestehende Forschungslücken hinweisen und geschlecherreflektierende Forschungen vorantreiben.

Dass ein Nachholbedarf bei genderreflektierten Ansätzen in der pädagogischen Praxis besteht, zeigt sich auch anhand der geförderten Projekte im bereits ausgelaufenen Bundesprogramm „VIELFALT TUT GUT“, welches einen Schwerpunkt auf die Arbeit mit Jungen legte. Dr. David Becker und Sybille Rothkegel von der Internationalen Akademie für innovative Pädagogik, Psychologie und Ökonomie an der Freien Universität Berlin waren verantwortlich für die wissenschaftliche Begleitung von Teilbereichen des Bundesprogramms. Sie verwiesen darauf, dass es generell kaum geschlechterrektierende Modellprojekte gab: Von den 18 Projekten im Rechtsextremismusprogramm arbeiteten zwar sieben mit der Zielgruppe männlicher Jugendlicher, jedoch hatte nur ein Projekt einen konkret geschlechterbezogenen konzeptionellen Umgang. Generell läßt sich sagen, dass ein reflektierter Blick auf die Kategorie Gender zu kurz komme. Das Bundesprogramm kann auch in Bezug auf seine Finanzierungspraxis kritisiert werden: So stellt die Anforderung, eine Kofinanzierung von 50 Prozent zu erbringen, viele Projekte vor große Herausforderungen.

Aus der Perspektive der Wissenschaft ist eine Auseinandersetzung mit der Kategorie Geschlecht in der pädagogischen Arbeit äußerst wünschenswert. Dr. Esther Lehnert erläuterte, dass biologistische Vorstellungen vom „richtigen“ Mann und der „deutschen Mutter“ innerhalb der Konstruktion einer „deutschen Volksgemeinschaft“ ein zentrales Ideologem sei. Mädchen und Jungen, die sich in die rechte Szene hinein orientieren, können sich von traditionellen Geschlechterbildern angezogen fühlen, sie erfüllen Funktionen der Aufwertung oder Orientierung in einer komplexer werdenden Welt. Hinsichtlich der Fortbildung von PädagogInnen sei es wichtig, Frauen und Mädchen mit ihren politischen Positionen wahr und ernst zu nehmen und nicht verkürzend als „Anhängsel von…“ zu verharmlosen. Frauenrollen innerhalb der extremen Rechten haben sich modernisiert, sie nehmen verschiedene Positionen ein, ob als Rednerinnen auf Demonstrationen, Theoretikerinnen oder Musikerinnen. Auch hinsichtlich der Männlichkeiten im Rechtsextremismus gäbe es Fortbildungsbedarf, hier gehe es z.B. zentral darum, Jungen innerhalb geschlechterhomogener Gruppen differenziert wahrzunehmen und denjenigen Jungen Schutzräume zu eröffnen, die nicht den traditionellen Vorstellungen von Dominanz und Durchsetzungsvermögen entsprechen. Ziel sei es, Mädchen und Jungen eine Vielfalt von Entwicklungsmöglichkeiten aufzuzeigen und zu eröffnen.

Die Veranstaltung zeigte, dass viel zu tun ist, sowohl in der Projektpraxis, in der Wissenschaft aber auch auf dem Gebiet der Förderpraxis seitens staatlicher und privater Institutionen. Hier will die Fachstelle in den kommenden Monaten ansetzen, Netzwerke ermöglichen und mit PartnerInnen aus Theorie und Praxis neue Wege gehen.