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Fachgespräch „Familie und Rechtsextremismus als Thema in der Jugendhilfe“


Fachkräfte der Jugendhilfe unterstützen Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder, handlungsleitend ist für sie das Kindeswohl. Nicht selten sind Professionelle mit diskriminierenden, fremdenfeindlichen Äußerungen konfrontiert und müssen sich positionieren. Dass es zu einer Zusammenarbeit mit Eltern kommt, die der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind, ist zwar weniger häufig der Fall, jedoch nicht auszuschließen. Diese Situationen bedürfen besonderer Vorbereitung und Klärung aus fachlicher, ethisch-moralischer und politischer Perspektive. In einem Fachgespräch im Berliner Roten Rathaus diskutierten am 21. Februar 2011, ExpertInnen über relevante Fragen.


In den Luise Schröder Saal eingeladen hatte das Projekt LICHT-BLICKE Projekt ElternStärken, pad e.V. (Beratung, Vernetzung, Fortbildung zum Thema Familie und Rechtsextremismus) in Kooperation mit dem Bezirksamt Neukölln, Abteilung Jugend, Jugendhilfeplanung und dem Projekt „Lola für Lulu“ der Amadeu Antonio Stiftung.

Auf dem Podium stellten PraktikerInnen ihre Erfahrungen aus der Familienhilfe zur Diskussion: Dr. Heike Schmid (Koordinatorin für ambulante Hilfen zur Erziehung, pad e.V.) und Sabine Salaske (Regionaler Sozialpädagogischer Dienst des Jugendamt Lichtenberg) berichteten über Situationen, in denen sie mit Eltern arbeiten, die sich zur rechtsextremen Szene bekennen. Matthias Blechschmidt (Regionalleiter des Kinder- und Jugendhilfeverbunds Lichtenberg) reflektierte, welche Entscheidungen aus Trägersicht zu bedenken sind. Gemeinsam mit dem Publikum – gekommen waren ca. 60 Fachkräfte der Jugendhilfe aus verschiedenen Berliner Stadtbezirken – wurde diskutiert, wie PädagogInnen reagieren können, welche Handlungsoptionen sie haben und welchen Klärungsbedarf es hinsichtlich fachlicher und juristischer Positionen gibt.

Probleme eindeutiger „Positionierungen“ – Ein Fallbeispiel

Die Erfahrung einer Familienhelferin aus einem der vorgestellten Fallbeispiele zeigt, welche Probleme eine Konfrontation mit rechtsextremen Eltern beinhalten kann. Die Familienhelferin führte mit der Mutter ein Erstgespräch in der Wohnung. Beim Verlassen des Zimmers zum Ende des Gespräches fällt ihr auf, dass sie unter einer Hakenkreuzfahne gesessen hatte. Sie lässt dies zunächst unkommentiert. Beim Folgetermin lehnt sie es mit Verweis auf das verfassungsfeindliche Symbol jedoch ab, in diesem Zimmer zu beraten und schlägt vor, ins Nachbarzimmer auszuweichen. Daraufhin wird sie von der Mutter der Wohnung verwiesen, der Lebensgefährte bedroht sie verbal. Sie verlässt die Wohnung. In der Folge setzt der Träger die Hilfeleistung nach Rücksprache mit dem Jugendamt nicht fort. Das Jugendamt bemüht sich um alternative Hilfen. Zunächst erfährt die Familienhelferin Unterstützung für ihr Verhalten seitens des Trägers und der KollegInnen. Allerdings argumentiert der Supervisor, dass er ihr Handeln als unprofessionell erachtet. Die Ablehnung der politischen Einstellung der Mutter sei eine unzulässige Grenzüberschreitung, wobei auch das Kindeswohl – der eigentliche Arbeitsauftrag der Familienhelferin – aus dem Blick gerate. Wann und unter welchen Bedingungen eine Intervention im Sinne einer solchen „Positionierung“ möglich und sinnvoll ist, war eine der zentralen Fragen in der Diskussion. Inwieweit widersprechen sich fachlicher Auftrag und politische Positionierung? Oder ist es gerade Teil des öffentlichen Auftrages, menschenfeindlichen Äußerungen und nationalsozialistischen Symbolen zu widersprechen?

Öffentlicher Auftrag und Kindeswohl vs. politische Positionierung?


Diskutiert wurden verschiedene Fragen: Ist es nicht notwendig, dass FamilienhelferInnen ihre politische Position zurückhalten und primär den Kontakt zu einer Familie aufbauen? Hat das Kindeswohl also Vorrang vor der Auseinandersetzung mit menschenfeindlichen Positionen? Oder gefährden rechtsextreme Einstellungen der Eltern nicht gerade das Wohl der Kinder bzw. ihr Recht auf persönliche Entwicklung?

Einig waren sich viele Anwesende, dass die persönlichen Grenzen der Sozialarbeiterin gewahrt werden müssen. Sie kann nicht gezwungen werden, den Fall auch weiterhin zu übernehmen. Hier kommt dem Träger die Verantwortung zu, seine Mitarbeitenden zu unterstützen und ernst zu nehmen, gleichzeitig aber auch das Kindeswohl im Blick zu behalten und nach Alternativen für die Familie zu suchen. Beantwortet wurden rechtliche Fragen, die gleichzeitig Handlungssicherheit geben können: Ist das Zeigen verfassungsfeindlicher Symbole im öffentlichen Raum verboten und strafbar, so gilt dies nicht für die Privatwohnung; die Familie hat das Recht, die Hakenkreuzfahne über dem Sofa aufzuhängen. Die Situation ändert sich jedoch, wenn die Familienhelferin mit einem öffentlichen Auftrag den Raum betritt: Eine Akzeptanz verfassungsfeindlicher Symbole ist in diesem Fall nicht hinnehmbar. Würde die Familienhelferin sich nicht positionieren, beteiligte sie sich an einer Normalisierung nationalsozialistischer Symbole. Das jedoch widerspricht dem öffentlichen Auftrag grundsätzlich.

Verantwortung der Träger

Hilfreich sei eine entsprechend klare Haltung der Träger. Matthias Blechschmidt stellte diesbezügliche Handlungsoptionen vor, mit denen es gelingen kann, Unsicherheiten im Umgang mit rechtsextremen Einstellungen abzubauen. So biete ein differenziertes und hinsichtlich der Menschenrechte eindeutig definiertes Leitbild des Trägers die Option, dass FamilienhelferInnen Sicherheit in konfrontativ verlaufenden Situationen haben. Bereits in den Einstellungsgesprächen werden menschenrechtliche Positionen als Basis der Arbeit diskutiert und als Richtlinie eingebracht.

Handlungsoptionen?

Abschließend diskutierten die Teilnehmenden, wie es FamilienhelferInnen gelingen kann, parallel zu einer Positionierung den Kontakt zur Familie und damit die Basis für die Arbeit aufrecht zu erhalten. So kann es durchaus sinnvoll sein, während der Phase des Beziehungsaufbaus mit einer neuen Familie strategisch vorzugehen und bestimmte Äußerungen nicht unmittelbar zu thematisieren. Während solch ein Vorgehen bei diskriminierenden Äußerungen für einen gewissen Zeitraum vorstellbar sei, ist jedoch in der Beratungssituation unter der Hakenkreuzfahne eine Grenze überschritten, die unmittelbares Handeln notwendig macht. Grundsätzlich kann sich jedoch auf Basis einer belastbaren Beziehung zu einer Klientin durchaus eine Handlungsoption ergeben: So zeigen Berichte von Aussteigerinnen, dass Mütter gerade hinsichtlich von Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen ihrer Kinder in rechtsextremen Gruppen ansprechbar waren und an diesen Momenten erste Gedanken in Richtung Ausstieg formulieren konnten. So berichtet die Aussteigerin Tanja Privenau, dass sie aufgrund dessen, dass ihr Kind mit einer geistigen Benachteiligung in der rechten Szene gemobbt wurde, begann, über Ausstiegsmöglichkeiten nachzudenken. Insofern scheint ein Perspektivwechsel wichtig: FamilienhelferInnen, denen es gelingt, eine gute Beziehung zu Eltern aufzubauen, haben die Möglichkeit, diese zum Nachdenken in Richtung Ausstieg zu motivieren. Das können Momente sein, in denen es darum geht, dass Kinder überfordert sind, in zwei getrennten Welten aufzuwachsen. Oder es geht um benachteiligende Situationen, in denen Freundschaften mit Kindern mit Migrationshintergrund ausgeschlossen werden. Gelingt es FamilienhelferInnen, eine Arbeitsbeziehung entsprechend dem Kindeswohl auszuhandeln – und bei den meisten Eltern lässt sich davon ausgehen, dass sie für ihre Kinder etwas Positives wünschen – so können sie in Richtung Ausstieg diskutieren.

Weiterer Handlungsbedarf

Die teilnehmenden PädagogInnen konnten im Laufe der Diskussion verschiedene Handlungsoptionen kennenlernen und diskutieren. So konnte ein erster Schritt in Richtung Handlungssicherheit im Umgang mit rechtsextremen Eltern getan werden. Einig war man sich dennoch schließlich sowohl im Publikum als auch auf dem Podium, dass das Thema Rechtsextremismus und Familienhilfe weiterhin Handlungsbedarf bietet und Unsicherheiten im Umgang mit bestimmten Äußerungen und Aktivitäten auch weiterhin abgebaut werden müssen.

Verwiesen sei an dieser Stelle auf eine Broschüre, die in Kürze mit dem Titel „Familie und Rechtsextremismus als Thema in der Jugendhilfe" erscheinen wird. Sie kann ab April telefonisch bestellt werden unter 030/99270555 und ist online erhältlich unter www.lichtblicke-elternprojekt.de